PRODUKTIONSNOTIZEN

"Eines Tages werden wir Filme machen wie andere auch: Mit Licht, mit Kran, mit Dolly, mit Absperrungen, mit Wohnwagen, mit Filmförderung. Und dann werden wir uns an MUXMÄUSCHENSTILL erinnern und sagen: Gott sei Dank hatten wir das damals nicht. Das ist unser Wunsch. Ja, wir könnten genauso weiterdrehen und Spaß dabei haben, bis uns dann eines Tages die Frage einholt, wann denn endlich die gottverdammte Gage überwiesen wird..."

Jan Henrik Stahlberg und Marcus Mittermeier
 

Es war einmal ein junger Mann namens Jan Henrik Stahlberg, der hatte schon seit längerem das Gefühl, dass etwas faul ist im Staate Deutschland. Dass das Leben nach dem Fall der Mauer mehr und mehr von einer Ellbogen-Mentalität geprägt wird. Dass Werte wie Solidarität und Verantwortung völlig verloren gegangen sind. Und es drängte den jungen Mann, einen moralischen Film zu machen, der diese Verhältnisse anprangert und "den Nerv der Zeit einklemmt". Aber wie?

"Moral als Filmthema ist verdammt gefährlich", stellt Stahlberg fest. "Wenn ich im Film zum Beispiel einen Menschen sehe, der so weise und warmherzig rüberkommt, von christlicher Nächstenliebe durchdrungen ist und absolut Recht hat - da kommt mir das große Kotzen! Da schalte ich sofort ab!" Doch dann fragte er sich, wie es wäre, die Gesellschaftskritik einem Psychopathen in den Mund zu legen: "Wenn ich als Zuschauer weiß, dass der Typ ohnehin neben der Kappe ist, dann muss ich mich nicht mehr mit seiner Person auseinandersetzen, sondern kann ihm besser zuhören. Und wenn er teilweise auch noch Recht hat mit seinen Ansichten, dann fängt die Geschichte an, mich zu interessieren."

"Das ist genial! Wann drehen wir?"

Die Idee kam ihm eines Tages im Jahr 2000 in der Berliner S-Bahn: "Da saß ein Langzeitarbeitsloser mit zurückgegelten Haaren, der bei jeder Station von seiner Bild-Zeitung aufblickte, um zu sehen, ob jemand zustieg, der nach Kontrolleur aussah. Und ich dachte plötzlich: Was wäre, wenn man von dem Typen jetzt einfach mal den Fahrschein verlangen würde? Natürlich hätte so ein Verhalten etwas Faschistoides - aber es wäre eine Situation mit einer starken Dramaturgie."

Und so wurde Mux geboren: die Figur eines jungen Mannes, der fanatisch Jagd auf Schwarzfahrer, Ladendiebe und andere Kriminelle macht, um ihnen Unrechtsbewusstsein einzubläuen und so gegen den Werteverfall in unserer Gesellschaft anzukämpfen. Jan Henrik Stahlberg verfasste ein - noch sehr rohes - Drehbuch und versuchte etwa ein Jahr lang, einen Spielfilm über Mux auf die Beine zu stellen. Und obwohl er durchaus auf begeisterte Reaktionen stieß, ging es mit dem Projekt nie so richtig voran. Da erinnerte er sich an seinen Schauspielkollegen Marcus Mittermeier, unter dessen Regie er bereits Theater gespielt hatte. Die beiden hatten sich auf der Schauspielschule kennen gelernt und in den Folgejahren immer mal wieder zusammen gearbeitet. Im August 2001 schickte Stahlberg per Post rund 15 Seiten über Mux an Mittermeier - und der war sofort Feuer und Flamme: "Ich habe den Briefumschlag im Auto geöffnet, als ich gerade vom Einkaufen zurückkam. Hinten im Wagen verdarben meine Lebensmittel in der Sommerhitze, aber das war mir in dem Moment egal - ich konnte einfach nicht mehr aufhören zu lesen. Daraufhin habe ich sofort Jan angerufen und zu ihm gesagt: Das ist ja genial! Wann drehen wir?"

In den darauf folgenden Wochen trafen sich die beiden immer wieder, um die Geschichte weiter zu entwickeln. "Ursprünglich sollte Mux bei seinem Feldzug von einem Kamerateam begleitet werden", erzählt Marcus Mittermeier, "doch das war mir zu nah an 'Mann beißt Hund'. Darum habe ich mir die Figur des Gehilfen Gerd ausgedacht, der als Dialogpartner für Mux fungiert und dessen Aktionen mit einer Videokamera dokumentiert. Das hatte auch den Vorteil, dass wir mit zwei Erzähl-Ebenen arbeiten konnten: zum einen gibt es das quasi-dokumentarische Material aus Gerds Videokamera, zum anderen eine objektive Kamera, die sozusagen von außen die Situation erklärt. Dadurch hat man nicht bloß ständig unruhige, verwackelte Doku-Bilder, sondern dazwischen immer wieder ruhigere Einstellungen, die in die jeweilige Szene einführen."

"Ich habe einen Hang zu schwarzem Humor"

Stahlberg setzte Mittermeiers Vorschläge in einer neuen Fassung des Buches um, auf dessen Grundlage die beiden im Februar 2002 einen sechsminütigen Trailer drehten. Dieser Trailer gelangte zwei Monate später in die Hände des Produzenten Martin Lehwald: durch Thomas C. Wagner, der bei dem Trailer die Kamera geführt hatte und sich bei Lehwald für ein anderes Projekt bewerben wollte. "Diese schrägen, eigenwilligen sieben Minuten gefielen mir auf Anhieb", erinnert sich Lehwald. "Als ehemaliger Philosophie-Student hat mich die tragische Impotenz der verzweifelt aufgeworfenen moralisch- und philosophischen Konstrukte sehr interessiert. Außerdem habe ich einen Hang zu schwarzem Humor - und so hat mich besonders das Komödienpotenzial gereizt, das in dieser bösen Geschichte steckt."

Auch Lehwald brachte verschiedene Ideen und Anregungen ein, und gemeinsam mit Stahlberg und Mittermeier entwickelte er das Projekt bis zur Drehreife. Die Zeit drängte, denn alle drei hatten in der zweiten Jahreshälfte anderweitige Verpflichtungen, und so kam man überein, im Sommer 2002 drehen zu wollen. Es gab nur noch ein klitzekleines Problem: die Finanzierung.

Anfangs wollte Lehwald den bei Erstlingswerken üblichen Weg über die Filmförderung gehen. "Aber das stellte sich in diesem Fall als sehr schwierig heraus", berichtet er. "Das war ein sehr schroffes, polarisierendes, schwer zugängliches Drehbuch. Trotzdem habe ich nie daran gezweifelt, dass die Geschichte funktioniert und ihr Publikum finden wird - und darum habe ich nach all den Absagen von Fördergremien und Fernsehanstalten gesagt: Jetzt könnt ihr mich alle mal! Ich entschloss mich, das Projekt selbst zu finanzieren. Denn ich hatte das Gefühl: Wenn wir's jetzt nicht machen, dann wird's nie mehr was."

Und so steckte Lehwald die mit seiner jungen Produktionsfirma Schiwago Film erwirtschafteten Gelder, die er eigentlich beiseite gelegt hatte, um damit Filmstoffe kaufen zu können, in MUXMÄUSCHENSTILL - und ist seither, wie er sagt, "bis auf die Grundmauern aller etwaiger Erbschaften belastet". Er ließ seine Kontakte spielen, um Filmmotive, die normalerweise ein paar Tausend Euro kosten, "für 'n Appel und 'n Ei" zu bekommen; er schnorrte sich durch die gesamte Republik auf der Suche nach Sponsoren und spannte seinen kompletten Bekanntenkreis ein: "Nach so einem Film hat man erst einmal keine Freunde mehr", konstatiert er, "weil man jeden ausgebeutet hat, den man kennt!"

Nachdem Thomas C. Wagner nicht mehr zur Verfügung stand, begab man sich auf die Suche nach einem neuen Kameramann - und fand ihn in David Hoffmann. Der war mit Stahlberg zur Schule gegangen und bei vier von Lehwald produzierten Folgen der TV-Serie "Der Pfundskerl" Kamera-Assistent gewesen. Einen Kinofilm als Kameramann hatte er bis dato noch nicht vorzuweisen. "Für uns hat er extra ein anderes Projekt abgesagt", berichtet Lehwald. "Denn er brannte für MUXMÄUSCHENSTILL - so wie wir alle!"

"Manchmal sind wir einfach partisanenartig losgezogen"

Gedreht wurde schließlich mit zwei billigen Mini-DV-Kameras an nur 25 Tagen im August 2002 in und um Berlin sowie an einem Tag in Rom. "Es war ein sehr turbulenter Dreh", erzählt Mittermeier. "Das fing schon damit an, dass wenige Tage vor Drehbeginn unser Ausstatter mit seinem kompletten Material abgehauen ist - der hatte Probleme mit der Steuerfahndung. Daraufhin mussten wir uns alles noch mal selber zusammensuchen. Das machte die ohnehin komplizierte und vollgepackte Drehzeit natürlich noch anstrengender: Acht Kilo habe ich in diesen Wochen abgenommen!"

Oft kam sich das Team vor wie eine Guerilla-Truppe: "Letztlich hatten wir - außer einer allgemeinen Drehgenehmigung für die Straßen - praktisch keine einzige richtige Dreherlaubnis", gesteht Lehwald. "Manchmal sind wir einfach partisanenartig losgezogen, haben Leute auf der Straße aufgegabelt und spontan reagiert auf das, was passierte. Einmal haben wir zum Beispiel einen Komparsen angequatscht, der sich später als Abgeordneter der Grünen entpuppte. Oder wir haben uns einfach frech in eine Anti-Roland-Koch-Demo reingemogelt. So etwas kann man natürlich nur machen, wenn man so ein Mini-Team hat wie wir: Diese Beweglichkeit hat richtig Spaß gemacht!"

"Das war oft der reinste Kamikaze-Dreh", bestätigt Mittermeier. "In einer Szene ging es zum Beispiel um einen Typen, der aus seinem Auto einen alten Kühlschrank kippt. Wir sind einfach in den Wald gefahren, haben sehr schnell diese Szene gedreht und sind ebenso schnell mit unserem Kühlschrank wieder abgehauen." Lehwald ergänzt: "Die Beckenpinkler-Szene haben wir heimlich im Freibad von Klein-Machnow gedreht - die wissen bis heute noch nichts davon. Eigentlich keine weltbewegende Aktion, denn wir haben in Wirklichkeit Apfelsaft verspritzt. Aber Schwimmbäder haben einen Horror vor sämtlichen Fremdsubstanzen - wenn wir vorher gefragt hätten, ob wir mal eben ins Becken pissen könnten, dann hätten wir wohl kaum eine Chance gehabt." Den Darsteller des Beckenpinklers hatte Mittermeier übrigens auf der Autobahn kennen gelernt: "Das war ein Tramper, den ich mitgenommen habe - und ich fand ihn als Typ so interessant, dass ich ihn gleich für den Film rekrutieren musste!"

Drehen im Hochwasser

Als während der Dreharbeiten die Hochwasser-Situation im Osten Deutschlands immer brenzliger wurde, beschlossen Stahlberg und Mittermeier das Thema in ihren Film einzubauen. Beim Roten Kreuz oder dem Technischen Hilfswerk biss Lehwald mit seiner Anfrage nach Booten freilich auf Granit. Daraufhin zogen sie an ihrem einzigen drehfreien Tag kurzerhand los und packten einige Werbegeschenke von ihren Sponsoren ein (darunter drei Flaschen Absinth), um sich dafür zwei Schlauchboote auszuleihen. "Wo wir drehten, stand das Wasser nur rund zehn Zentimeter tief", erinnert sich Stahlberg, "und wir schrammten mit unseren Booten über den Asphalt. Dann stellten wir uns auf die Knie, wie im Theater, wenn man einen Gnom spielen muss - und die Leute standen in Gummistiefeln um uns herum und sahen uns zu." Eine Situation, die einerseits für Lachkrämpfe sorgte, andererseits aber bei manchen Menschen auch unfreundliche Reaktionen hervorrief. "Dafür habe ich durchaus Verständnis", gibt Lehwald zu. "Manchmal waren wir eben zwangsläufig am Rande des guten Geschmacks unterwegs."

Seine Berliner Erfahrungen kamen dem Produzenten diesmal besonders zugute: "Kaum jemand weiß zum Beispiel, dass es außer der Berliner Verkehrsgesellschaft auch die Neukölln-Mittenwalder Eisenbahngesellschaft gibt. Die haben viel kürzere Amtswege als die BVG - und eigene Streckenabschnitte innerhalb der Stadt, auf denen wir etwa die Szenen mit dem Graffiti-Sprayer gedreht haben."

"Sie hat in kürzester Zeit fast 500 Leute durchgenudelt"

Den wohl härtesten Job von allen Beteiligten hatte Astrid Rosenfeld, die für die Besetzung der Komparsen und Kleindarsteller zuständig war: "Sie hat mit gottgegebener Geduld und unbegreiflicher Energie in kürzester Zeit fast 500 Leute durchgenudelt", berichtet Lehwald. "Wir haben auch allerkleinste Rollen gecastet und in jedem einzelnen Fall geschaut, ob der- oder diejenige tatsächlich für die jeweilige Szene geeignet ist", betont Mittermeier, "und Astrid hat hier wirklich fantastische Arbeit geleistet."

Resultat dieser abenteuerlichen Dreharbeiten waren rund 80 Stunden Mini-DV-Material, davon etwa 70% Szenen aus dem Drehbuch und 30% Situationen, die spontan beim Drehen entstanden. Die Aufgabe, gemeinsam mit dem Duo Mittermeier-Stahlberg aus diesem schier unüberschaubaren Wust einen 90-minütigen Spielfilm zu machen, übernahm schließlich Sarah Clara Weber, eine junge Schnitt-Studentin aus Berlin, die noch vor dem Vordiplom stand und nie zuvor einen Kinofilm geschnitten hatte - eine Tatsache, die geradezu zwingend logisch erscheint, wenn man bedenkt, dass bei MUXMÄUSCHENSTILL bereits die Positionen des Drehbuchautors, des Regisseurs und des Kameramanns jeweils mit Debütanten besetzt waren.

"Sarah war einfach perfekt", schwärmt Mittermeier. "Sie hat verhindert, dass die Geschichte in Richtung Männerfilm abdriftet. Sie hat erkannt, dass das Drehbuch zu dialoglastig war. Und sie hat die Schnittfolge mancher Szenen, an denen ich verzweifelt wäre, sogar völlig selbst konzipiert." Rund ein Jahr dauerte der Schnitt, immer wieder unterbrochen von Phasen, in denen der Regisseur Geld als Schauspieler verdienen musste. "Unsere Montage glich bisweilen eher einer Jonglage", stellt Mittermeier fest. "Die Schwierigkeit war, das Gleichgewicht zu halten: Mux durfte nicht zu sympathisch, aber auch nicht zu widerlich wirken. Mein Ziel war es, die Figur einerseits interessant zu machen, andererseits jedoch immer wieder zu brechen - und so eine permanente Desorientierung und Irritation zu schaffen, ohne den Zuschauer abzustoßen."

Dass diese Gratwanderung offenbar tatsächlich gelungen ist, zeigte sich eindrucksvoll beim Max-Ophüls-Filmfestival in Saarbrücken, wo MUXMÄUSCHENSTILL nicht weniger als vier Hauptpreise abräumen konnte: den Max-Ophüls-Preis, den Publikumspreis, den Drehbuchpreis und den Preis der Schülerjury. Und nur eine Woche später avancierte der Film auch auf der Berlinale in der Reihe "Perspektive Deutsches Kino" zum Kritikerliebling und Publikumsrenner. Im April erhielt MUXMÄUSCHENSTILL eine Nominierung für den Deutschen Filmpreis 2004 in der Kategorie "Bester Film" und Fritz Roth für seine Darstellung des Gehilfen Gerd eine Nominierung in der Kategorie "Bester Nebendarsteller".

Ein Film für 40.000 Euro

"Auf den Festivals haben wir wunderbare Feedbacks von anderen Filmemachern bekommen", erzählt Jan Henrik Stahlberg. "Für viele ist es offenbar ein absoluter Riss in der Wolkendecke, dass es heutzutage in Deutschland möglich ist, einen Film wie diesen zu machen: für lächerliche 40.000 Euro, ohne jeden Kompromiss, unabhängig von Fördergremien und Fernsehanstalten." Auch Martin Lehwald kann den eingeschlagenen Weg nur empfehlen: "Wenn man die nötigen Nerven hat und sich das finanzielle Risiko erlauben kann, sollte man auf jeden Fall versuchen, ein solches Projekt selbst auf die Beine zu stellen. Wer weiß, was daraus geworden wäre, wenn wir auf einen Redakteur oder auf irgendwelche Förderkriterien hätten Rücksicht nehmen müssen!"

Marcus Mittermeier muss heute noch grinsen, wenn er an die Ablehnungsschreiben denkt, mit denen die Fördergremien seinem Regiedebüt eine finanzielle Unterstützung versagt haben: Die Hauptfigur sei "weder charmant, schlau noch witzig", heißt es da etwa, und das Thema "unsoziales Verhalten in der Gesellschaft" könne "im Kino kaum" interessieren. "Die Förderer haben - filmhistorisch durchaus fundiert - nachzuweisen versucht, dass dieser Film niemals funktionieren könnte und überhaupt kein Publikum finden würde", erläutert Mittermeier. "Aber wir werden jetzt natürlich mit aller Macht das Gegenteil beweisen!"