JAN HENRIK STAHLBERG - AUTOR UND HAUPTDARSTELLER

Geboren 1970 in Neuwied. Nach seiner Schauspielausbildung bei Ruth von Zerboni in München sowie am Institut des Arts de Diffusion in Brüssel stand er in deutschen, belgischen, französischen, italienischen, britischen und US-amerikanischen Film- und Fernsehproduktionen vor der Kamera. Seine erste Kinohauptrolle spielte er in "Science Fiction" unter der Regie von Franz Müller. Demnächst wird er auf der Kinoleinwand in Peter Gersinas Komödie "Mädchen, Mädchen II" und im Fernsehen in einem HR-Tatort von Thomas Freundner sowie in einem Zweiteiler von Joseph Vilsmaier mit dem Titel "Vera" zu sehen sein.

Daneben spielte Jan Henrik Stahlberg unter anderem in Theaterproduktionen der Berliner Volksbühne und des Theaters Ingolstadt. Bei einer Inszenierung von "Leonce und Lena" in Ingolstadt arbeitete er bereits mit Regisseur Marcus Mittermeier zusammen.

MUXMÄUSCHENSTILL ist sein erstes Drehbuch. Gemeinsam mit Marcus Mittermeier arbeitet er derzeit an einem neuen Projekt mit dem Arbeitstitel: "Short Cut To Hollywood".

INTERVIEW

Sind Sie mal beim Schwarzfahren erwischt worden?

Ja, mit 13 Jahren. Daraus wurde sofort eine Anzeige wegen Leistungserschleichung, ein Besuch auf dem Polizeirevier in Bonn mit Mutter samt angedrohten Sozialstunden. Das hat mich natürlich im Mark erschüttert, so dass ich lange Zeit Fahrrad fuhr, auch im Winter.
Nein, mal ganz im Ernst, tatsächlich war dieses Plädoyer des Polizeibeamten eine gute Vorlage für mich. Das war einfach eine dramaturgisch witzige Situation: Mit todernster Mine hielt er mir und meiner Mutter einen Vortrag über Solidarität und Verantwortung - und kam dabei unendlich moralingesäuert rüber. Deswegen habe ich mich auch dafür entschieden, einen Psychopathen die Geschichte erzählen zu lassen. Da hört man besser zu.

Und an diesem Punkt kommt Mux ins Spiel, die Figur, die Sie erfunden haben...

Ja, ein junger Mann im heutigen Berlin, der tapfer auszieht, um den Menschen beizubringen, wie wichtig es ist, Verantwortung zu übernehmen - er ist überzeugt, dass er damit die Gesellschaft verbessern kann. Das Schwarzfahren ist ja nur ein kleines Beispiel für das, was unserer Gesellschaft offenbar völlig abhanden gekommen ist: ein Gefühl von Solidarität, ein Verantwortungsbewusstsein. Und dafür tritt Mux ein. Er hat zwar mit manchen seiner Äußerungen recht, doch bei seinem Feldzug trifft er meist die Falschen, die Kleinen und Schwachen. Er führt einen Kampf gegen die Windmühlen und das Tragikomische an ihm ist seine Hilflosigkeit und seine Ohnmacht.

Aber seine Kritik an unserer Gesellschaft können Sie nachvollziehen?

Ja. Die Verantwortungslosigkeit, die er anprangert, habe ich selbst täglich erlebt: etwa im Umgang mit Produzenten, die den letzten Mist produzieren, aber den Schwarzen Peter von sich schieben mit Sätzen wie "es gibt ja keine guten Stoffe mehr", "der Markt will es so", "das Publikum ist zu blöd" oder "sonst macht es jemand anderes" - keiner will mehr gerade stehen für das, was er tut. Das macht mich wahnsinnig. Und diese "Verdieterbohlisierung" der Gesellschaft, diesen "Media-Markt-Zeitgeist" greifen wir mit diesem Film an - das ist das "Moralische" an Mux.

Fühlen Sie sich Mux also verbunden?

Nein, die Figur ist mir sehr fern. Seine Beobachtungen mögen ja zutreffen, aber er zieht daraus völlig falsche Konsequenzen: Seine autoritäre Art, seine Einstellung zur Selbstjustiz, die Mittel, die er anwendet - das finde ich alles total daneben. Inhaltlich gibt es zwischen ihm und mir nur wenige Gemeinsamkeiten. Doch abgesehen von dem Schwachsinn, den er verzapft, finde ich seinen Idealismus sympathisch: dass er die großen Zusammenhänge nicht aus den Augen verlieren will; dass er nicht bloß Straftäter überführt, sondern auch versucht, ein Manifest zu schreiben - und an dieser Aufgabe scheitert.

Stand von Anfang an fest, dass Sie Mux spielen würden?

Ja, ich habe die Rolle für mich geschrieben - das war meine Triebfeder: So gut wie nie durfte ich bisher Figuren spielen, die wirklich etwas mit der Situation in unserem Land zu tun hatten. Das wollte ich ändern.

Ihr Drehbuch lässt den Zuschauer lange im Unklaren darüber, ob Sie Mux' Feldzug gutheißen...

Genau das ist das Konzept. Der Film ist wie ein Tanz auf einer Rasierklinge - als Zuschauer schwankt man ständig zwischen Sympathie und Abscheu, wird immer wieder verunsichert und gezwungen, sich zu fragen: Ist das jetzt komisch oder nicht? Darf man da lachen? Ist Mux sympathisch? Hat er Recht oder nicht? Und warum? Das sollte der Ansatzpunkt für jeden intelligenten Film sein: dass der Zuschauer selbst überlegen und entscheiden muss, ob er das in Ordnung findet, was auf der Leinwand passiert. Natürlich hätten wir den Holzhammer auspacken, ein Schild in die Kamera halten und Mux am Schluss referieren lassen können, dass er doch auf einmal die Falschheit seines Tuns erkannt hat. Aber das wäre ja völlig uninteressant.

Hatten Sie keine Bedenken, der Film könnte Beifall von der Law-and-order-Seite bekommen und als Plädoyer für Selbstjustiz verstanden werden?

Damit muss man natürlich bei so einer Gratwanderung immer rechnen. Aber eigentlich ist erst Einer auf mich zugekommen, der gesagt hat "Total geil! Da mach' ich mit! Denen hauen wir so aufs Maul, da fliegen die Zähne!" In diesem Moment wollte ich nur noch auf mein Hotelzimmer und mich vor lauter Kummer tierisch besaufen. Aber der Typ war zum Glück ein absoluter Einzelfall. Und ich glaube, dass MUXMÄUSCHENSTILL seine ernorme Kraft gerade dadurch entwickelt, dass der Zuschauer sich alleine gelassen fühlt und sich selber zurechtfinden muss. Eigentlich kann ich mir auch nicht vorstellen, dass man uns politisch in der rechten Ecke ansiedelt - denn ich finde, wir machen schon deutlich, dass Mux krank ist.

Ein Psychopath, über den man lachen darf?

Auf jeden Fall, ich finde Mux sehr komisch. Aber auch das war wieder eine Gratwanderung: Er durfte sich zwar in bestimmten Situationen lächerlich verhalten, doch wir durften die Figur nicht denunzieren, keinen Idioten aus ihm machen. Ursprünglich hatten wir ein bisschen Angst, dass der Film zu sehr in Richtung Komödie gehen würde. Bei den Festivalvorführungen hat sich dann gezeigt, dass die Leute zwar anfangs herzhaft lachen, aber ziemlich schnell merken, wie ihnen der Teppich unter den Füßen weggezogen wird. Das war unsere Absicht: dass den Zuschauern das Lachen im Hals stecken bleibt.

Der Film hat überhaupt einen sehr eigenen Humor...

Ja, wir haben uns auf keine Kompromisse eingelassen, sondern genau das gemacht, was wir machen wollten: Mainstream war für uns ein Schimpfwort. Umso mehr hat es uns überrascht, dass es in der Berlinale-Vorführung Leute gab, die Lachkrämpfe hatten und der Film in Saarbrücken den Publikumspreis bekam. Da zeigt sich, dass man in der Regel die Zuschauer total unterschätzt. Es stimmt einfach nicht, was viele Fernsehredakteure denken: Die Leute kapieren viel mehr, als man ihnen zutraut. Sie wären in der Lage, wesentlich mehr aufzunehmen - man muss es ihnen nur geben!

Können Sie also den Weg empfehlen, den Sie mit "Mux" gegangen sind, abseits von Förderung und Fernsehanstalten?

MUXMÄUSCHENSTILL kommt bei den Leuten momentan irrwitzig gut an und ist gleichzeitig so eigen und so ganz anders. Ich bin sehr froh, dass wir mit diesem schrägen Stoff nicht zuviel Zeit vertan haben, um es allen Recht zu machen. Wir mussten keine Kompromisse eingehen und hatten die Freiheit, dem Film seine Ecken und Kanten zu lassen. Vielleicht können wir ja mit unserem Film anderen Mut machen, einfach ihr eigenes Ding durchzuziehen. Eine Schauspiel-Kollegin von mir schreibt gerade an einem Drehbuch, und zur Motivation hat sie sich ihre Eintrittskarte für MUXMÄUSCHENSTILL an den Computer geklebt - damit sie nie vergisst: Wenn die das können, kann ich das auch!
 
 

FILM- UND FERNSEHARBEITEN (Auswahl)

 
2003  
 
"Vera" (AT),
Regie: Joseph Vilsmaier
 
"Mädchen, Mädchen II" (Kinofilm),
Regie: Peter Gersina
 
"Muxmäuschenstill",
Regie: Marcus Mittermeier
 
"Science Fiction" (Kinofilm, Hauptrolle),
Regie: Franz Müller
 
"Körner und Köter",
Regie: Thomas Nennstiel
 
"Single Shots",
Regie: Oliver Schmitz
 
2002 "Il consiglo d´Egitto" (ital. Kinofilm),
Regie: Emidio Greco
 
"Ein starkes Team",
Regie: Johannes Grieser
 
2001 "Westend" (Kinofilm),
Regie: Markus Mischowski
 
"Hans Christian Andersen" (engl. TV-Film),
Regie: Peter Saville
 
"Kleeblatt küsst Kaktus",
Regie: Thomas Nennstil
 
2000 "Love and war in the Appannines" (US-Kinofilm),
Regie: John Kent Harrison
 
1999 "CityExpress",
Regie: Norbert Skrovanek (u.a.)
 
1998 "Die Schule",
Regie: Michael Rowitz
 
"Cric & Croc" (belg. Kinofilm),
Regie: Stéphane Tielemans
 
1997 "The dog of Flanders" (amerik. Kinofilm),
Regie: Kevin Broudy
 
 

THEATERARBEIT (Auswahl)

 
1998  
 
"Alles im Garten",
Regie: Seiltgen, Theater Ingolstadt
 
1998 "Leonce und Leona",
Regie: M. Mittermeier, Theater Ingolstadt
 
1998 "Unseen Hands",
Regie: Kruse, Volksbühne Berlin